Raubt die Rückkehr der Inflation den Notenbanken ihr wichtigstes Werkzeug?

Die Erwartung höherer Inflationsraten verunsichtert derzeit Anleger und Märkte. In der „Welt“ von heute Morgen findet sich ein Artikel mit der Überschrift „Die Inflation raubt den Notenbanken ihr wichtigstes Werkzeug„. Ist das wirklich so? Nein!

Es ist sogar genau umgekehrt. Die Rückkehr der Inflation macht die Notenbanken wirkungsvoller. Genau das ist ja der Grund, weshalb die meisten Notenbanken eine Inflationsrate zwischen 2 – 3% anstreben. Ein Zahlenbeispiel verdeutlich das:

Bei einer Inflationsrate von 2%, können die Notenbanken durch das Setzen eines Nominalzinses von Null, den Realzins auf -2% absenken.

Bei einer Inflationsrate von Null dagegen, können die Notenbanken durch das Setzen eines Nominalzinses von Null, den Realzins lediglich auf 0% absenken. Um unter Null zu kommen, muss die Europäische Notenbank negative Zinsen der Einlagefazilität (Deposit Facility) setzen. Allerdings geht das nur soweit, wie es die Kosten der Bargeldhaltung zulassen. Wenn der negative Zins der Einlagefazilität größer wird als die Kosten der Bargeldhaltung, wird Bargeldhaltung günstiger als das Halten von Guthaben in der Einlagefazilität. Ein Realzins von -2% lässt sich mit diesem Instrument deshalb nicht erreichen.

Inflation gibt den Notenbanken also einen viel mächtigeren Hebel zur Befeuerung der Konjunktur an die Hand als Nullinflation.

Für die Aktienbewertung besteht ebenfalls kein Grund zur Panik. Wenn die Inflation steigt, steigen auch die nominalen Verkaufserlöse der Unternehmen. Den besten Inflationsschutz bieten also Unternehmensaktien. Dem höheren Zinsfaktor, der bei der Fundamentalwertanalyse zur Bestimmung des Fair Value eingesetzt wird, stehen der inflationsbedingt höhere Nominalgewinn je Aktie der Unternehmen gegenüber. Der Fair Value der Aktien sinkt also nicht bei Inflation. Theoretisch bleibt er unbeeinflusst. Da Inflation meistens mit einer gut laufenden Konjunktur einhergeht, dürfte er sogar etwas steigen.

Zu einem Problem für die Aktienbewertung wäre allenfalls ein dauerhaftes Überschießen der Inflationsrate über die Zielinflationsrate der Notenbank. Dann müsste die Notenbank den Realzins erhöhen, um die Nachfrage zu dämpfen. Diese Realzinserhöhung würde dann den Fair Value der Aktien senken. Das derzeitige Szenario deutet aber auf einen einmaligen Inflationsschub nach dem Ende der Corona-Pandemie hin, der sich nach dem Abebben des Nachhol-Konsums wieder zurückbildet.

Für die Tragbarkeit der Staatsverschuldung wäre dagegen auch eine dauerhaft höhere Inflationsrate kein Problem. Die Steuereinnahmen des Staates steigen mit der Inflation, während der reale Wert der aufgelaufenen Staatsverschuldung von der Inflation gesenkt wird. Wie man damit eine Staatsverschuldung von ca. 240% des BIP auf unter 50% senken kann, hat z.B. Großbritannien nach dem 2. Weltkrieg vorgemacht:

Abbildung 1 – Entwicklung der Staatsverschuldung des Vereinigten Königreiches 1900-2010Quelle: www.ukpublicspending.co.uk

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