Die Grünen in der dogmatischen Sackgasse

Ein merkwürdig hohles Pathos schwang in vielen Reden dieses grünen Wahlparteitags 2017 mit. Rhetorische Stilblüten wie „vielleicht landen wir in Jamaika, aber doch nur, um weiter Kalifornien zu sein“ hatten Konjunktur. Anton Hofreiter machte dann gar in einer waschechten Wutrede unmissverständlich deutlich, worum es im Kern geht: „Wir wollen aber nicht wegen der verdammten Dienstwagen regieren; wir wollen regieren, um zu verändern. Weil die Welt es braucht, verändert zu werden.

Wo findet man heute noch soviel Idealismus? Bleibt nur die Frage, ob Idealismus allein genügt, um die Welt verändern – zumindest wenn es denn zum Besseren sein soll. Blickt man auf die umweltpolitischen Entscheidungen des grünen Parteitags, so können dabei Zweifel aufkommen.

Automobilindustrie in der Sackgasse?

Eine der schlagzeilenträchtigsten Entscheidungen ist das Verbot des Verbrennungsmotors ab dem Jahr 2030. Schließlich wissen die Grünen zweifelsfrei: „Mit dem Festhalten am Verbrennungsmotor hat sich die deutsche Autoindustrie in eine Sackgasse manövriert.“ Bei soviel Inkompetenz der Autoindustrie hilft nur ein klares Verbot, das „Planungssicherheit“ schafft: „Wir Grüne wollen, dass Deutschland vorangeht und das Jahr 2030 als Zeitpunkt definiert, ab dem kein Auto mit Verbrennungsmotor mehr neu zugelassen wird. So stärken wir diejenigen, die an der Zukunft der emissionsfreien und nachhaltigen Mobilität mitwirken wollen, indem wir ihnen durch klare Ziele Planungssicherheit verschaffen.“ Sollten die Grünen also in die Regierungsverantwortung kommen, kann sich die deutsche Autoindustrie entspannt zurücklehnen, denn sie erhält endlich Planungssicherheit! Ärgerlich ist nur, dass die technologische Entwicklung so schlecht in „verlässliche“ Bahnen gezwungen werden kann. Innovationen sind nicht planbar. Was, wenn wir im Jahr 2030 feststellen, dass es doch nicht mehr so effizient ist, Elektro-PKWs mit 500 kg schweren Akkus durch die Gegend zu fahren, weil Materialforscher einen kostengünstigen Katalysator gefunden haben, der aus Sonnenenergie, Kohlendioxid und Wasser Solartreibstoff synthetisiert? Sollte man vielleicht auch diese Forschung verbieten? Derzeit gibt es in diesem Forschungsbereich viele erfolgreiche Ansätze und Erfolgsmeldungen häufen sich.

Das Grundprinzip heißt thermochemischer Zyklus und ist schon seit längerem bekannt. Man erhitzt einen geeigneten Katalysator mit fokussierter Sonnenenergie auf ca. 1500 Grad. Dabei setzt der Katalysator Sauerstoffatome frei. Lässt man den Katalysator dann etwas abkühlen, ist er begierig die verlorenen Sauerstoffatome wieder einzubinden. Leitet man in diesem Zustand Wasser und Kohlendioxid über den Katalysator entreißt er diesen den Sauerstoff und setzt dabei Wasserstoff und Kohlenmonoxid frei. Diese kann man dann in einer zweiten Stufe mittels der sogenannten Fischer-Tropsch-Synthese zu unterschiedlichen Kraftstoffen wie z.B. Kerosin, Benzin, Diesel oder Methangas umformen. Beim Verbrennen dieser Kraftstoffe wird Kohlendioxid und Wasser freigesetzt. Da das Kohlendioxid aber vorher der Atmosphäre entnommen wurde, ist die Verbrennung von Solartreibstoffen klimaneutral. Im Vergleich zu einem Akku ist Solartreibstoff leichter, weil er eine viel höhere Energiedichte besitzt. Außerdem kann er praktisch verlustfrei gespeichert werden und für den Vertrieb zum Verbraucher kann die bereits bestehende Infrastruktur genutzt werden.

Die aktuelle Forschung ist darauf fokussiert die Kosteneffizienz zu verbessern. Edelmetall-Katalysatoren arbeiten zielgenau sind aber teuer. Vielversprechende Alternativen sind z.B. mit Zinnoxid modifizierte Nanofäden aus Kupferoxid oder ebenfalls preisgünstiges Cobaltoxid. Eine interessante Alternative zum zweistufigen Verfahren wurde kürzlich von einem Forscherteam an der ETH-Zürich vorgestellt. Die Forscher verwenden dabei einen Ceroxid-Katalysator, den sie mit Rhodium-Inseln im Nanoformat spicken. Dadurch versetzen sie den Katalysator in die Lage, Wasserstoff und Kohlenmonoxid direkt in Methangas zu verwandeln. Durch die dabei eingesparte Fischer-Tropsch-Sythese können die Herstellungskosten erheblich gesenkt werden. Entsprechende Anlagen könnten auch für Privathaushalte rentabel werden. Das Verfahren eröffnet völlig neue Möglichkeiten zur Herstellung von Solarsprit. Diese Forschung steckt also sicherlich nicht in einer „Sackgasse“. Kann man dann davon reden, dass der Verbrennungsmotor in einer Sackgasse steckt?


Wie man einem auf YouTube geleakten Video entnehmen kann, gibt es auch Grüne, die mit dem Verbotsbeschluss nicht so ganz glücklich sind:


Verpasste Chance: Ökologische Steuerreform

Ein anderer Punkt des beschlossenen 10 Punkte Programms ist die Ersetzung der bisherigen Stromsteuer durch eine CO2-Steuer. Das ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn Märkte die externen gesellschaftlichen Kosten der Emission von Treibhausgasen berücksichtigen sollen, dann müssen diese einen Preis bekommen. Nicht ganz klar ist, in welcher Beziehung diese plakative Forderung zu der ebenfalls im Wahlprogramm enthaltenden Forderung nach einer Reform des EU-Emissionshandels steht. Wenn diese Forderung realisiert würde, wird sich nämlich auch der Strompreis gemäß der bei der Produktion freigesetzten CO2-Emissionen erhöhen. Das würde dann aber zu einer Doppelbelastung des Strompreises führen.

Unter Reform des EU-Emissionshandels verstehen die Grünen eine Verknappung der Emissionszertifikate. Dies ist sicherlich notwendig, denn im Moment ist der Preis dieser Zertifikate so niedrig, dass von ihnen keine Anreizwirkung zur Senkung von CO2-Emissionen ausgeht. Die Gründe sind schon seit längerem bekannt (Schleicher et al. (2015), Schneider/Kollmuss (2015)). Ein anderes Problem des EU-Emissionshandels ist seine Beschränkung auf einzelne Industrien, die zusammen nur ca. 50% der Gesamtemissionen ausmachen. Hier haben die Grünen die Chance vergeben, sich von den anderen Parteien als „Klimapartei“ abzusetzen. Warum kam niemand auf die Idee, eine alle Güter und Dienstleistungen umfassende ökologische Steuerreform zu entwerfen, etwa in der Art wie dies kürzlich eine Gruppe republikanischer (!) US-Abgeordneter vorgeschlagen hat? Ein Problem des EU-Emissionshandels ist seine Wirkung als Produktionssteuer. Daraus resultiert ein Anreiz für die Unternehmen zur Verlagerung der Produktion in Länder mit niedrigerer Besteuerung. Der Vorschlag der US-Abgeordneten vermeidet diese Anreizwirkung, in dem er den Konsum der Güter entsprechend den bei der Produktion freigesetzten Treibhausgasemisionen besteuert – egal ob sie im Inland oder im Ausland hergestellt wurden. Der Erlös dieses zusätzlichen Steueraufkommens soll komplett an die Haushalte in Form einer einheitlichen Prämie zurückgezahlt werden. Dadurch wird die Akzeptanz bei der Bevölkerung erhöht und gleichzeitig bleibt die ökologische Steuerwirkung erhalten. Wenn die gesellschaftlichen Kosten der Emission von Treibhausgasen auf diese Weise umfassend eingepreist werden, können Unternehmen und Haushalte dezentral auf der Basis von Technologien und Präferenzen entscheiden, wo und wie die Emissionen reduziert werden: Autos mit klimaneutralem Antrieb erhielten auf diese Weise automatisch einen Preisvorteil gegenüber Autos mit fossilem Treibstoff und die Rendite von privaten Investitionen in die Erforschung klimaneutraler Fahrzeugantriebe würde steigen. Der Staat könnte sich aus diesen schwierigen Allokationsproblemen raushalten und trotzdem über die Höhe der Steuer je freigesetzter Treibhausgasmenge Ausmaß und Geschwindigkeit der Reduzierung, so wie vom Wähler gewünscht, beeinflussen. Immer wieder taucht im Wahlprogramm der Grünen die richtige Forderung „Preise müssen ökologische Wahrheit sprechen“ auf. Eine schlüssige Antwort, wie dies bewerkstelligt werden kann, findet sich aber nicht. Mit einem Konzept für eine umfassende ökologische Steuerreform hätten die Grünen wieder ein echtes Alleinstellungmerkmal für sich reklamieren können.

Populismus statt Aufklärung

Dass sie stattdessen der populistischen Versuchung verbreitete Ängste in politische Forderungen umzumünzen erlegen sind, zeigt sich an dem von ihnen geforderten Verbot des Herbizids Glyphosat. Seitdem die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hat, ist eine regelrechte Hysterie ausgebrochen. Während der als „sicher krebserregend“ eingestufte Alkohol im Bier bei den meisten Konsumenten nur wenige Bedenken hervorruft, wird das darin in äußerst geringen Dosen nachgewiesene Glyphosat von vielen als großes Gesundheitsproblem gewertet. Anstatt hier zur Aufklärung beizutragen, befeuern die Grünen die Hysterie nun noch, indem sie Glyphosat als „Artenkiller“ bezeichnen. Dabei sind die unerwünschten Nebenwirkungen von Glyphosat im Vergleich zu alternativen Herbiziden, auf die die Landwirtschaft bei einem Verbot ausweichen würden, ausgesprochen gering. Da das von Glyphosat blockierte Enzym bei Tieren nicht vorkommt, ist seine Giftwirkung begrenzt. Zudem kann sie durch gezielte Variation der Zusammensetzung gesteuert werden. Die praktischen Erfahrungen mit Glyphosat sind umfangreich, weil es schon seit Jahrzehnten verwendet wird. Es gibt eine Fülle von wissenschaftlichen Studien zu seiner Wirkung. Die Risiken sind deshalb überschaubar. Der Wikipedia-Eintrag zu Glyphosat bietet dazu eine gut fundierte Übersicht.

Ein völliger Verzicht auf Herbizide würde in der Landwirtschaft zu erheblichen Ertragseinbußen führen. Der Bedarf landwirtschaftlicher Nutzflächen würde weltweit steigen. Die gleiche Wirkung hätte die Umsetzung anderer Dogmen grüner Agrarpolitik: Die Forderung nach einem Verzicht auf Kunstdünger und die Ablehnung gezielt gentechnisch veränderter Pflanzen. Nach der aktuellen UN-Prognose wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf 9,7 Milliarden Menschen und bis zum Jahr 2100 auf 11,2 Milliarden Menschen angewachsen. Der durchschnittliche Flächenbedarf der ökologischen Landwirtschaft je Ertragseinheit ist in Europa 84% höher als in der konventionellen Landwirtschaft. Um die Ernährung der Weltbevölkerung nach den Prinzipien der „ökologischen Landwirtschaft“ zu gewährleisten, müsste die landwirtschaftliche Nutzfläche also erheblich ausgeweitet werden. Das entspricht sicherlich kaum einer Vorstellung von „nachhaltigem“ Wirtschaften. Der ökologische Nutzen der ökologischen Landwirtschaft ist deshalb höchst zweifelhaft.

Die Paradoxien grüner Agrardogmen

Auch eine Einzelbetrachtung zeigt die Fragwürdigkeit grüner Agrardogmen: Warum soll mittels Haber-Bosch Verfahren aus der Luft gewonnener Stickstoff böse sein, während der von Knöllchenbakterien und Leguminosen aus der Luft gewonnene Stickstoff gut ist? Das hinter der Ablehnung von „Kunstdünger“ stehende Feindbild des unkontrolliert „Blaukorn“ auf biologisch weitgehend toten Ackerboden kippenden Bauern hat schon lange nichts mehr mit der Realität zu tun. Integrierter Pflanzenanbau und Weiterentwicklungen wie „Precision Farming“ erlauben einen gezielten und sparsamen Einsatz verschiedener Düngerzusätze und ermöglichen ein effizientes und nachhaltiges Bodenmanagement. Eine gesundheitliche oder geschmackliche Überlegenheit von „biologisch“ erzeugten Nahrungsmitteln konnte bislang ebenfalls nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Auf ähnlich unplausiblen Annahmen beruht die grüne Ablehnung des Einsatzes gezielt genetisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft. Sehr beliebt ist in der biologischen Landwirtschaft beispielsweise die Gerstensorte „Golden Promise“, die auch gerne auch zur Herstellung biologischer Biere verwendet wird. Diese Gerste ist kurzstielig, ertragsstark und führt beim Mälzen zu qualitativ hochwertigen Ergebnissen. Auch für Freunde schottischen Single Malts ist „Golden Promise“ deshalb ein Begriff. Entwickelt wurde diese Gerste in den 60er Jahren durch sogenanntes „Mutation Breeding“ . Dabei wird das Saatgut einer Pflanze mit radioaktiven Gamma-Strahlen beschossen in der Hoffnung, dass dabei irgendeine Mutation entsteht, die nützlich sein könnte. Es ist klar, dass nützliche Mutationen bei diesem Verfahren seltene Zufallstreffer sind. Aber, wie Golden Promise zeigt, kann man mit Zeit und Ausdauer den Zufall bezwingen. Und natürlich sind letztlich alle seit Beginn der neolithischen Revolution gezüchteten Kulturpflanzen durch gezielte Selektion zufälliger Mutationen entstanden. Wenn aber „gezielte Selektion zufälliger Mutationen“ erlaubt ist, warum dann nicht auch „gezielte Selektion gezielter Mutationen“, wie sie beispielsweise mit der CRISPR/Cas-Methode erzeugt werden können? Natürlich wäre es grob fahrlässig, genetisch gezielt manipulierte Pflanzen ohne sorgfältige Feldversuche in der landwirtschaftlichen Produktion zu einzusetzen. Aber deshalb gibt es ja auch staatliche Zulassungsstellen, die für die Einhaltung solcher Standards Sorge tragen. In der EU geht man dabei sogar besonders gründlich vor. Immerhin dauert das von der EU-Freisetzungsrichtlinie geregelte Verfahren im Schnitt nicht 15 Monate wie in den USA sondern ganze 40 Monate!

Die Ablehnung gezielt genetisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft bei gleichzeitiger Akzeptanz zufällig genetisch veränderter Organismen zählt zu den identitätsstiftenden Gründungsparadoxien der Grünen. Die Überwindung solcher Dogmen käme für viele Grüne sicherlich einem Ausverkauf der grünen Seele gleich. Mit Dogmen kann man, wie die historische Erfahrung zeigt, den Zusammenhalt sozialer Gruppen stärken und Herrschaftsstrukturen monopolisieren. Sie führen außerdem zu einer Beschränkung des Handlungsspielraums und behindern Fortschritt. Es gibt derzeit sicherlich genügend Probleme, die einer politischen Lösung harren – eine politische Partei sollte sich also eigentlich auch ohne Dogmen profilieren können.

Am Ende ihres Wahlparteitags 2017 stand die grüne Parteiprominenz dann auf der Bühne und wiegte sich zum 80er Jahre Hit „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ stilvoll im Takt, grün-magentarot bedruckte Schilder dezent schwenkend, die für alle noch einmal die wichtigsten Ergebnisse des Parteitages zusammenfassten. Keine Frage, die 80er Jahre waren für viele, die sie erleben durften, schön und prägend. Aber passen die Visionen von damals tatsächlich noch zu den Problemen von heute?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s