Brutto- oder Nettoinvestitionen – Zu der Replik von DullienSchieritz

Die Zeitschrift „Wirtschaftsdienst“ hat in ihrem FTD-Blog „Out of Wirtschaftsdienst“ einen Artikel von mir zum Thema „Die deutsche Investitionsschwäche und die EWU – Fakt oder Fiktion?“ aus ihrer aktuellen Ausgabe veröffentlicht. Darin setze ich mich kritisch mit dem Artikel „Die deutsche Investitionsschwäche: Die Mär von den Standortproblemen“ von Sebastian Dullien und Mark Schieritz aus der Juli-Ausgabe 2011 des Wirtschaftsdienstes auseinander. Sebastian Dullien und Mark Schieritz haben ihrerseits auf meinen Artikel mit einer Replik reagiert, die im Anschluss an meinen Artikel veröffentlich ist. Meine Antwort auf diese Replik wurde vom Wirtschaftsdienst noch nicht veröffentlicht. Sie findet sich deshalb im Folgenden. Die Diskussion dreht sich um die Frage, ob man, mangels verfügbarer besserer Daten, die „Nettoinvestitionen für Ausrüstungsgüter“ aus den „Bruttoinvestionen für Ausrüstungsgüter“ und der durchschnittlichen „Abschreibungsrate aller Investitionsgüter“ schätzen kann. Sebastian Dullien und Mark Schieritz bestreiten dies, ich halte es aufgrund der im Folgenden genannten Argumente für möglich.

Hinter dieser Diskussion um statistische Probleme geht es um die wichtigere Frage, ob die Leistungsbilanz-Ungleichgewichte, die sich seit Gründung der Europäischen Währungsunion zwischen einzelnen Mitgliedsländer aufgebaut haben, auf das Konto unzureichender staatlicher Nachfragepolitik (insbesondere auf die Kürzung öffentlicher Investitionen und den Abbau von Wohnungsbausubventionen) in Deutschland gehen oder ob die Gründe dafür, wie ich meine, bei einer falschen (weil auf Konvergenz von Nominalzinsen, statt auf Konvergenz von Realzinsen) ausgerichteten Geldpolitik der EZB liegen.

„In ihrer Replik auf meinen Beitrag „Die deutsche Investitionsschwäche und die EWU – Fakt oder Fiktion? “ führen Dullien und Schieritz eine Reihe von Punkten gegen meine Berechnung der Nettoausrüstungsinvestitionen auf, die nicht zutreffen. Beginnen möchte ich mit einer Behauptung von Dullien und Schieritz „Nach dem Jahr 2000 allerdings sackt die Nettoausrüstungsquote in Deutschland plötzlich ab, ohne dass ähnliches für die Bruttoquote gelten würde„. Diese Behauptung ist falsch, wie ein Vergleich von Abbildung 1 und 2 in meinem Aufsatz zeigt. Offensichtlich rührt dieses Missverständnis daher, dass die Skala in Abbildung 1 von 0% bis 11% verläuft, also etwas gestauchter ist als in Abbildung 2, wo sie von von -1% bis 5% verläuft. So entsteht optisch der Eindruck, dass die Bruttoausrüstungsinvestitionsquote ab 2000 kaum zurückgeht. Ein Blick auf die Zahlen der Skala zeigt jedoch, dass dieser Eindruck trügt. Vom Jahr 2000 auf das Jahr mit den niedrigsten Nettoinvestitionen 2005, sinkt die Nettoinvestitionsquote um 1,6% (von 2,6% auf 1,0%). Die Bruttoinvestitionsquote sinkt im gleichen Zeitraum um 1,4% (von 8,6% auf 7,2%). Der Rückgang der Nettoinvestitionen wurde also nicht wie Dullien und Schieritz behaupten durch einen Anstieg der Abschreibungen verursacht, sondern fast vollständig vom Rückgang der Bruttoinvestitionen. Die Abschreibungen sind, wie Abbildung 3 in der Replik von Dullien und Schieritz (!) zeigt, in diesem Zeitraum praktisch konstant geblieben!

Die Veränderung der Abschreibungen kann den Befund also nicht erklären. Was man kritisch hinterfragen kann, sind die Niveaus der Abschreibungen, die sich bei meinem Schätzverfahren ergeben. Dabei sollte klar sein, dass die Bruttoinvestitionen, auf die Dullien und Schieritz ihre Schlussfolgerungen stützen, zur Beurteilung der Investitionsstärke eines Standortes nur wenig aussagen: Wenn Investoren einen Standort als so wenig attraktiv einschätzen, dass ihre Bruttoinvestitionen nicht ausreichen, um die Abschreibungen, also den Kapitalverschleiß zu ersetzen, sinkt der Kapitalstock dieses Standortes. Nach allem, was über Wachstumsprozesse bekannt ist, hat dies erhebliche Auswirkungen auf das BIP-Wachstum und die Arbeitsnachfrage an diesem Standort. Was zählt, sind also die Nettoinvestitionen und nicht die Bruttoinvestitionen. Damit stellt sich also die Frage, ob die von mir nach dem beschriebenen Verfahren geschätzten Abschreibungen zu hoch ausfallen, denn dann würden die resultierenden Nettoinvestitionen die Investitionsattraktivität Deutschlands für Ausrüstungsgüter unterschätzen. Ich habe deshalb gerade diese Frage explizit diskutiert und bin einigermaßen erstaunt, dass Dullien und Schieritz auf meine diesbezüglichen Argumente an keiner Stelle eingehen. In meinem Text heißt es dazu „Da in dieser Quote auch die Abschreibungen für Gebäude enthalten sind, die stets erheblich niedriger sind als die Abschreibungen für Maschinen, ist zu vermuten, dass die wirkliche Nettoinvestitionsquote für Ausrüstungsgüter sogar noch niedriger war. Nach Angaben des Statistisches Bundesamtes (…) beträgt die durchschnittliche Nutzungsdauer von Bauten 66 Jahre und bei Ausrüstungen zwölf Jahre bezogen auf das Berichtsjahr 2000. Ein Vergleich mit der Veränderung des deutschen Nettoanlagevermögens in Ausrüstungsgütern (die den Nettoinvestitionen in Ausrüstungsgütern sehr nahe kommt) in % des Bruttoinlandsproduktes (gestrichelte Linie in Abbildung 2), spricht für diese Vermutung. Diese Quote lag von 2003 bis 2005 nahe bei Null bzw. zeitweise sogar darunter. Dies zeigt, dass die Nettoinvestitionen in Ausrüstungsgüter nicht nur im internationalen Vergleich niedrig waren, sondern zeitweise sogar nicht ausreichten, um den Kapitalverschleiß zu ersetzen.“ Das Nettoanlagevermögen in Ausrüstungsgüter entspricht dem zu Marktpreisen bewerteten Kapitalstock der Ausrüstungsgüter. Die Veränderung des Nettoanlagevermögens entspricht damit im Wesentlichen (von Preisänderungen abgesehen) den Bruttoinvestitionen in Ausrüstungsgüter minus den Abschreibungen von Ausrüstungsgütern – also den Nettoinvestitionen in Ausrüstungsgüter. Durch Division mit dem BIP resultiert die dann Nettoinvestitionsquote der Ausrüstungsgüter. Leider liegt diese Zahl nicht in international vergleichbarer Form vor. Aber die Tatsache, dass die so berechnete Nettoinvestitionsquote in Deutschland zeitweise unter Null lag, der Kapitalstock an Ausrüstungsgüter also geschrumpft ist, zeigt doch, dass es eine ganz erheblich Investitionsschwäche gegeben hat. Wenn der Kapitalstock der Ausrüstungsgüter nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes schrumpft, kann man doch nicht behaupten, das Deutschland in diesem Zeitraum keine Standortprobleme gehabt hat. Einen schrumpfenden Ausrüstungsgüterkapitalstock kann sich kein entwickeltes Land leisten, schon gar nicht ein Land mit immer noch starker Ausrichtung auf das Verarbeitende Gewerbe wie Deutschland.

Ein weiteres Missverständnis von Dullien und Schieritz betrifft den theoretischen Zusammenhang zwischen Bestands- und Stromgrößenrechnung. Sie schreiben in ihrer Replik „Abschreibungen beziehen sich definitionsgemäß auf den gesamten Kapitalstock, also eine sich langsam verändernde Bestandsgröße. Maurer dagegen bezieht seine Abschreibungen aber auf die Investitionen, eine stark schwankende Stromgröße.“ Diese Vorgehensweise ist bei den statistischen Ämtern üblich und keine Erfindung von mir. Dahinter steckt eine dynamische Gleichung, die nicht nur Kernelement der neoklassischen Wachstumstheorie und der Real Business Cycle Theorie ist, sondern auch in den Neokeynesianischen Konjunkturmodellen so Eingang gefunden hat. Diese Gleichung besagt, dass die Veränderung des Kapitalstocks von Periode t zu Periode t+1 identisch ist mit den Bruttoinvestitionen von Periode t minus den Abschreibungen von Periode t. Letztere werden gemeinhin als „Nettoinvestitionen“, bisweilen auch als „Erweiterungsinvestitionen“ bezeichnet. Formal lautet dieser – eigentlich nicht wirklich unbekannte – Zusammenhang: Kt+1 – Kt =It – Kt * δ, wobei Kt für den Kapitalstock, It für die Bruttoinvestitionen und δ für die Abschreibungsquote steht. Meine Vorgehensweise, die Abschreibungen von den Bruttoinvestitionen zu subtrahieren und das Resultat als „Nettoinvestitionen“ zu bezeichnen, entspricht also nicht nur den statistischen Konventionen, sondern auch der theoretisch korrekten Vorgehensweise.

Ein weiteres Missverständnis von Dullien und Schieritz spiegelt sich in dem Satz wider „Wenn die Wohnungsbauinvestitionen dramatisch einbrechen, die Ausrüstungsinvestitionen aber relativ stabil bleiben, wird nach dieser Rechnung plötzlich ein dramatisch höherer Anteil der gesamtwirtschaftlichen Abschreibungen den Ausrüstungsinvestitionen zugerechnet. Dies wirkt umso stärker, als zwar Ausrüstungen kürzer genutzt werden als Bauten, der Wert der Bauten aber etwa ein Fünffaches des Wertes von Ausrüstungen ausmacht.“ Die Formel, die ich für die Schätzung der Abschreibungen der Ausrüstungsgüter verwendet habe lautet: Bruttoinvestitionen in Ausrüstungsgüter multipliziert mit der durchschnittlichen Abschreibungsquote aller Investitionsgüter. Die durchschnittliche Abschreibungsquote aller Investitionsgüter entspricht formal: δ = wobei dem bis zum Zeitpunkt t akkumulierten Kapitalstock insgesamt entspricht, also im Wesentlichen . In Worten entspricht die durchschnittliche Abschreibungsquote aller Investitionsgüter also dem gewichteten Durchschnitt der Abschreibungsquoten für die einzelnen Investitionsgütertypen, wobei die Anteile der jeweiligen Kapitalstöcke am Kapitalstock insgesamt als Gewicht dienen. Wenn nun die Bauinvestitionen am aktuellen Rand einbrechen, dann sinkt der Wert des Gewichtes der Abschreibungen auf Bauten , weil der Zähler prozentual stärker sinkt als der Nenner. Gleichzeitig steigt das Gewicht der Ausrüstungsgüterabschreibungen , weil der Nenner kleiner wird. Demzufolge steigt die durchschnittliche Abschreibungsquote δ, wenn die Abschreibungsquote der Ausrüstungsgüter größer ist als die Abschreibungsquote der Gebäudeinvestitionen, >, was empirisch wie gesagt der Fall ist. Wenn die durchschnittliche Abschreibungsquote δ nun als Schätzwert für die Abschreibungsquote der Ausrüstungsgüter verwendet wird, stellt dieser Anstieg der durchschnittlichen Abschreibungsquote aber keine Übertreibung dar. Solange der Kapitalstock der Bauten noch größer Null ist, > 0, unterschätzt die durchschnittliche Abschreibungsquote δ nämlich die Abschreibungsquote der Ausrüstungsgüter . Denn solange > 0 ist, gilt bei > immer, dass die wahre Abschreibungsquote der Ausrüstungsgüter größer ist als die von mir zur Schätzung verwendete durchschnittliche Abschreibungsquote, δ. Das lässt sich wie folgt beweisen:

> δ

>

>

>

>

In Worten: Die von mir zur Schätzung der Ausrüstungsgüterabschreibungen verwendete durchschnittliche Abschreibungsquote δ ist auch nach dem von Dullien und Schieritz beschriebenen „Einbruch der Bauinvestitionen“ noch immer kleiner als die tatsächliche Abschreibungsquote der Ausrüstungsgüter, , solange > 0 gilt, also solange noch mindestens ein Gebäude in Deutschland steht. Wenn es keine Gebäude mehr gäbe, = 0 , würde die Gleichheit gelten, = δ, d.h. in diesem Fall wäre δ ein fehlerfreier Schätzer für .

Die Behauptung von Dullien und Schieritz „Wenn die Wohnungsbauinvestitionen dramatisch einbrechen, die Ausrüstungsinvestitionen aber relativ stabil bleiben, wird nach dieser Rechnung plötzlich ein dramatisch höherer Anteil der gesamtwirtschaftlichen Abschreibungen den Ausrüstungsinvestitionen zugerechnet“ bzw. einen Abschnitt später „Plastischer ausgedrückt: Durch die verwendete Methode wurde in der Phase schwacher Wohnbauinvestitionen ein Teil der Abschreibungen auf deutsche Wohngebäude den Abschreibungen auf Ausrüstungsgüter zugerechnet“ ist also falsch. Auch nach dem Einbruch der Bauinvestitionen unterschätzt – und nicht überschätzt wie Dullien und Schieritz vermuten – das von mir verwendete Verfahren die wahren Ausrüstungsgüterabschreibungen. Dass dies auch empirisch der Fall ist, zeigt ja, wie schon gesagt, auch der Vergleich mit der Veränderung des deutschen Nettoanlagevermögens in Ausrüstungsgütern in % des Bruttoinlandsproduktes, die gestrichelte Linie in Abbildung 2 meines Textes. Diese Abbildung belegt ganz eindeutig: Selbst wenn man die Ausrüstungsgüterabschreibungen so stark unterschätzt, wie mein Schätzverfahren dies impliziert, sind die resultierenden Nettoinvestitionen in Ausrüstungsgüter vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2007 noch immer deutlich niedriger als die der anderen Länder. Deutschland litt in diesem Zeitraum unter einer massiven Investitionsschwäche – auch bei den Ausrüstungsgütern.“

 

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