Das Elend der "Corporate Social Responsibility"

Dieser Beitrag ist auch im Blog www.wirtschaftlichefreiheit.de erschienen und kann auch dort kommentiert werden.

Wirtschafts- und Unternehmensethik erfreuen sich schon seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit. Besonders die Unternehmensethik weist gemessen am relativen Zuwachs der Publikationen ein exponentielles Wachstum auf (Schaubild 1). Man kann über die Gründe für die steigende Beliebtheit des Themas nur spekulieren. Für viele Autoren bietet es sicherlich eine willkommene Möglichkeit, der wachsenden Formalisierung der Wirtschaftswissenschaften auszuweichen. Beim Lesen wirtschaftsethischer Literatur stellt sich bisweilen auch der Verdacht ein, dass man hier eine willkommene Möglichkeit sieht, aus der „Begrenzheit“ des analytischen Denkens auszubrechen und – ähnlich wie in der Theologie – einer schönen Formulierung wegen auch einmal die ein oder andere logische Ungereimheit in Kauf nehmen zu können.

Schaubild 1

Tatsache ist, in Folge des Ethikbooms kann sich heute kaum noch ein Unternehmen ohne Lippenbekenntnis zu ethischen Prinzipien öffentlich präsentieren. Unternehmensberatungen, deren Strategieberatungsgeschäft in den Ruf geraten ist, in krisengeschüttelten Zeiten nicht immer den erhofften Mehrwert abzuwerfen, haben sich deshalb des neuen Themas dankbar angenommen. Der Einbau von „Corporate Social Responsibility“ – Konzepten in das „Business Model“ eines Unternehmens zählt längst zu den Standardangeboten der Branche.

Gemeinhin versteht man unter CSR einen Beitrag von Unternehmen zu sozial- und umweltpolitischen Zielvorstellungen, der über die gesetzlichen Anforderungen hinausgeht. Das Konzept enthält also eine Erweiterung der Zielfunktion von Unternehmen: Unternehmen sollen nicht mehr nur das Ziel der Gewinnmaximierung verfolgen, sondern auch freiwillig sozial- und umweltpolitische Ziele, die einem vermuteten gesellschaftlichen Konsens entsprechen, verfolgen. Diese Kombination von drei Unternehmenszielen wird dann häufig auch als „drei Säulen Modell einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung“ (John Elkington (1999)) bezeichnet. Es ist klar, dass man mit Forderungen wie „Unternehmen sollen ihre Gewinne maximieren“ oder „Unternehmen sollen neben der Gewinnerzielung auch noch Umwelt- und Sozialpolitik betreiben“ den Bereich der deskriptiven Analyse des Wirtschaftsprozesses (dem Versuch, das zu erklären, was man beobachten kann) verlässt und sich in die Sphäre der präskriptiven Konzepte (der Diskussion von Handlungszielen bzw. ethischen „Theorien“) begibt. Der Streit, ob die Sozialwissenschaften sich wie die Naturwissenschaften auf die deskriptive Analyse beschränken sollen oder ob sie die deskriptive Analyse mit einem Engagement für bestimmte Handlungsziele vermischen sollen, ist uralt und füllt Bibliotheksregale. Ich kann nicht erkennen, dass im Laufe dieser Diskussion die Argumente, die sich in Max Webers Aufsätzen „Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher Erkenntnis“ und „Der Sinn der „Wertfreiheit“ der soziologischen un ökonomischen Wissenschaften“ finden, in ihrem Kern widerlegt worden wären. Die von Weber geforderte methodologische Trennung beider Spähren schließt aber natürlich nicht aus, Handlungsziele, die von einer ethischen Theorie eingefordert werden, anhand von deskriptiven Theorien über den Wirtschaftsprozess hinsichtlich ihrer Realisierbarkeit bzw. hinsichtlich ihrer Folgewirkungen zu bewerten. Diese Möglichkeit der Diskussion von Handlungszielen wird auch von Weber nicht bestritten. Ich möchte im Folgenden das CSR-Konzept auf Basis einer deskriptiven Theorie diskutieren, die man als „Standardmodell der Marktwirtschaft“ bezeichnen könnte. Damit soll nicht gesagt, sein, dass dieses Modell die Realität bereits perfekt beschreibt und nicht mehr verbessert werden kann, sondern lediglich, dass solange kein besseres Modell vorliegt, keine vernünftige Alternative zu dieser Vorgehensweise existiert.

(1) Zunächst stellt sich die Frage, ob Unternehmen unter normalen marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen tatsächlich etwas anderes tun können, als den Gewinn zu maximieren. Aus den Annahmen des Standardmodells folgt, dass unter Wettbewerbsbedingungen auf Dauer nur die Unternehmen Kapitalgeber finden, die eine Eigenkapitalverzinsung erwirtschaften, die mindestens so hoch ist wie die der Konkurrenz. Unternehmen, die unter gleichen Wettbewerbsbedingungen operieren wie ihre Konkurrenz und einen größeren Anteil ihres Ertrags für Zwecke des Umweltschutzes oder der Sozialpolitik verwenden, werden deshalb im Wettbewerbsprozess vom Markt gedrängt. Anhänger von CSR erwidern diesen Einwand gerne mit der Behauptung, dass „langfristig“ nur solche Unternehmen erfolgreich sein können, die auch „Verantwortung für soziale und ökologische Nachhaltigkeit“ übernehmen. Insofern stimme die CSR-Strategie mit dem Ziel der „langfristigen Gewinnmaximierung“ überein. Der behauptete „Dualismus“ zwischen CSR und dem Prinzip der Gewinnmaximierung existiere mithin nicht. Das ist insofern erstaunlich als echte CSR ja definitionsgemäß die Bereitschaft voraussetzt zugunsten von sozialen und ökologischen Zielen auf Gewinn zu verzichten. Streng logisch betrachet, müsste also ein ernsthaftes unternehmerisches Engagement für soziale und unternehmerische Ziele auch zu niedrigeren Gewinnen führen. Die Anhänger der CSR argumentieren an dieser Stelle aber gerne empirisch. Sie präsentieren dann Fallbeispiele, die zeigen, wie durch CSR-Maßnahmen der Gewinn gesteigert werden konnnte oder wie ohne die richtigen CSR-Maßnahmen Verluste eingetreten sind (vgl. Seite 12-15 in dieser in mancherlei Hinsicht typischen Präsentation von Ernst & Young). Schaut man sich diese Fallbeispiele genauer an, stellt man fest, dass es sich dabei immer nur um Aktivitäten handelt, die der Gewinnmaximierung dienen, die sich aber – in der Regel aufgrund von Reputationseffekten – in der Öffentlichkeit auch als soziales oder ökologisches Engagement verkaufen lassen. Es handelt sich also um „strategische CSR“. Maßnahmen, in denen zugunsten sozial- oder umweltpolitischer Zielsetzungen tatsächlich auf Gewinnmöglichkeiten verzichtet wird – also z.B. Lohnzahlungen die über dem Effizienzlohnniveau liegen oder Umweltschutzmaßnahmen, die die Produktionskosten über das Niveau erhöhen, das man auf dem Weg der psychologischen Produktdifferenzierung über monopolistische Preisaufschläge wieder einnehmen kann – findet man in solchen Beispielen nie. Das ist natürlich verständlich. Denn solche Beispiele würden ja zeigen, dass echte CSR und Gewinnmaximierung eben doch nicht übereinstimmen. Rhetorische Tricks dieser Art sind im Marketing üblich. Aber sie können natürlich nicht den Status Ernst zu nehmender Argumenten beanspruchen.

(2) Zu dem Problem, das durch CSR bei der Eigenkapitalfinanzierung entsteht, kommen Probleme, die durch die Anreizwirkung resultieren. Wenn Unternehmen neben einem ökonomischen Ertrag auch freiwillig sozial- und ökologische Ziele verfolgen sollen, dann muss festgelegt werden, wie diese drei Komponenten gewichtet werden sollen, sonst existiert keine wohldefinierte Zielfunktion (Jensen (2000)). Mit anderen Worten, es ist nicht mehr klar, was das Unternehmensmanagement überhaupt tun soll. Aus diesem logischen Problem wird in der Praxis sehr schnell ein ökonomisches Anreizproblem, wenn das Unternehmen eine Kapitalgesellschaft ist und Eigentümer und Management unterschiedliche Personen sind. Wie die Debatte um die Angemessenheit von Managergehältern gezeigt hat, deutet aus empirischer Sicht einiges darauf hin, dass gerade bei Aktiengesellschaften zwischen Eigentümern und Management in der Realität erhebliche Principal-Agent Probleme bestehen (Schmidt und Schwalbach (2007), Zimmermann (2004)): Die Eigentümer haben also aufgrund asymmetrischer Informationsverteilung ohnehin schon große Schwierigkeiten zu kontrollieren, zu welchen Zwecken das Management das ihm anvertraute Kapital verwendet. Wenn das Management nun mit diesem Geld auch noch Umwelt- und Sozialpolitik betreiben soll, wird sich das Principal-Agent Problem, vorsichtig formuliert, erheblich verschärfen. Aus juristischer Sicht stellt sich natürlich auch die Frage, inwieweit bei einem Management, das echte CSR praktiziert, der Tatbestand der Untreue erfüllt ist. Im Grunde sind bei praktizierter echter CSR die Eigentumsrechte nicht mehr wohldefiniert. Das führt, nach allem was über die Funktionsmechanismen von Marktwirtschaften bekannt ist, zu ineffizienten Marktergebnissen – Marktergebnisse bei denen knappe Ressourcen verschwendet werden.

(3) Aber nicht nur auf Unternehmensebene auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene können durch CSR Probleme resultieren. Wenn jedes Unternehmen nach eigenem Ermessen Sozial- und Umweltpolitik betreibt, kann nicht sichergestellt werden, dass das resultierende gesamtwirtschaftliche Ausmaß dieser Politiken tatsächlich den Vorstellungen einer Gesellschaft entspricht. Es kann ein Zuviel oder ein Zuwenig an Sozial- und Umweltpolitik resultieren. Man kann also sicherlich nicht davon ausgehen, dass CSR geeignet wäre die klassische Ordnungspolitik zu ersetzen. Durch das Setzen eines gesetzlich verankerten ordnungspolitischen Rahmens können, z.B. über Lenkungssteuern, Subventionen oder Sozialtransfers, die von der Gesellschaft präferierten sozial- und umweltpolitischen Ziele in dem gewünschten Ausmaß angestrebt werden. Diese Gesetze bilden den ordnungspolitischen Rahmen, auf dessen Grundlage Unternehmen ihre Gewinnmaximierung betreiben können. Das hat den erheblichen Vorteil, dass die Zuständigkeiten klar geregelt sind und die von CSR verursachten Anreizprobleme vermieden werden – und zwar ohne dass man auf sozial- und umweltpolitischen Zielsetzungen verzichten muss. Es bedeutet auch, dass jedes Land seinen eigenen Mix von wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Zielen wählen kann. Entwicklungsländer, die über eine reichliche Ausstattung mit Umweltressourcen oder Arbeitskräften verfügen, haben so die Möglichkeit sich durch niedrigere Umwelt- oder Lohnstandards gemäß ihrer komparativen Vorteile zu spezialisieren und die notwendigen Investitionen für ihren wirtschaftlichen Aufbau anzulocken. Angesichts der erheblichen Einkommensarmut in vielen Entwicklungsländern ist dies eine Strategie, die sich vom Standpunkt vieler Ethiken gut verantworten lässt. In Deutschland hat man es nach dem Zweiten Weltkrieg ganz genau so gemacht. Die von manchen CSR-Apologeten geäußerte Ansicht, dass Unternehmen unabhängig von der jeweiligen Landesgesetzgebung ähnliche Sozial- und Umweltstandards wie sie in entwickelten Ländern gelten, einhalten sollten, kann man zu Recht als „Öko-Kolonialismus“ (Driessen (2006)) bezeichnen. Sie schwächt die Nachfrage nach Arbeitskräften in den Entwicklungsländern zugunsten der Nachfrage nach Arbeitskräften in den entwickelten Ländern.

Ein in diesem Zusammenhang häufig von Verfechtern der CSR vorgebrachtes Gegenargument lautet, dass sich heute aufgrund von Globalisierung und technischem Fortschritt, die wirtschaftliche Umwelt so schnell verändere, dass Regierungen beim Setzen des gewünschten ordnungspolitischen Rahmens immer hinterherhinken würden. Deshalb müssten Unternehmen, den noch fehlenden gesetzlichen Ordnungsrahmen antizipieren und sich einen selbstgestrickten Ordnungsrahmen vorgeben. Auch dieses Argument überzeugt nicht wirklich: Zum einen bedeutet korrekte Antizipation eines fehlenden Ordnungsrahmens die korrekte Einschätzung der sozial- und umweltpolitischen Präferenzen der jeweiligen Gesellschaft. Sicherlich kein triviales Informationsproblem. Zum anderen gibt es auch Ernst zunehmende Alternativen: Wenn die Globalisierung in Zusammenwirken mit dem technischem Fortschritt tatsächlich zu einem beschleunigten Wandel der wirtschaftlichen Umwelt geführt hat, dann muss man aber wohl auch in Rechnung stellen, dass der technische Fortschritt im Zeitalter von Wikileak-Enthüllungen, Twitter-Journalismus, You-tube-Reportern und Facebook-Revolutionen noch nie da gewesene Möglichkeiten bietet, in kürzester Zeit global Informationen über Missstände zu verbreiten. Anstatt sich einen eigenen Ordnungsrahmen zu stricken, steht es jedem Manager frei, diese neuen Medien zu nutzen um auf einen unzureichenden gesetzlichen Ordnungsrahmen hinzuweisen. Wenn das Management von Unternehmen in eigener Regie einen lückenhaften oder fehlenden Ordnungsrahmen ergänzen soll, resultieren die schon genannten von CSR verursachten Anreizprobleme. Der Chance eines möglichen, aber nicht sehr wahrscheinlichen, temporären Effizienzgewinns durch die korrekte Antizipation des Ordnungsrahmens steht das Risiko eines höchst wahrscheinlichen und permanenten Effizienzverlustes durch die von CSR verursachten Anreizprobleme gegenüber. Das Argument, einer dem Ordnungsrahmen davon eilenden wirtschaftlichen Umwelt, verliert also bei genauerer Betrachtung recht schnell an Plausibilität.

Die Probleme, die erkennbar werden, wenn man die CSR-Konzeption auf Basis der ökonomischen Standardtheorien bewertet, sind symptomatisch für alle Spielarten der Unternehmensethik, die einen Teil der sozial- und umweltpolitischen Steuerung des Wirtschaftsprozesses – ohne Not – auf die Unternehmensebene verlagern wollen. Die dabei resultierenden Probleme sind sehr viel größer als die, die bei einer ordnungspolitischen Steuerung von Sozial- und Umweltpolitik über den Gesetzesrahmen resultieren. Diese Kaste der Unternehmensethiker setzt sich damit dem Verdacht aus, eine möglicherweise auf der psychologischen Ebene gegebene Prädisposition des Menschen für normative Konzepte, zur Etablierung eines Berufsstandes zu nutzen, den eigentlich niemand braucht. Der Prozess der Säkularisierung ist noch nicht ganz abgeschlossen und schon sitzt die nächste Schamanenkaste in den Startlöchern!

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2 Kommentare zu „Das Elend der "Corporate Social Responsibility"

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