Ökonomen auf der Jagd nach dem Glück

Dieser Beitrag ist auch im Blog www.wirtschaftlichefreiheit.de erschienen und kann auch dort kommentiert werden.

In der Zeitschrift „The Economist“ hat gerade eine Online-Debatte über die Frage stattgefunden, ob staatliche Wirtschaftspolitik stärker an Indikatoren, die immaterielle gesellschaftliche Zustände wie Niveau und Verteilung von „Glück“ anstelle materieller Werte wie verfügbares Einkommen oder Bruttoinlandsprodukt messen, ausgerichtet werden soll. Das Ergebnis einer Abstimmung unter den Lesern war eindeutig: 83% befürworten die Ausrichtung an neuen Indikatoren.

Zwei Ökonomen waren aufgerufen die verschiedenen Positionen zu vertreten: Richard Layard, der bekannte Arbeitsmarktforscher an der London School of Economics, der 2006 in einem Gutachten „Depression Report“ mit der These überraschte, dass nicht mehr Arbeitslosigkeit das Hauptproblem Großbritanniens sei sondern „Unhappiness“, plädiert für eine Neuorientierung der Wirtschaftspolitik an Glücksindikatoren. Die Gegenpartei vertritt Paul Ormerod, der als Buchautor für seine Kritik an der zeitgenössischen Ökonomik wegen ihrer Vernachlässigung von Netzwerkeffekten bekannt geworden ist.


Hotei, taoistischer Gott des Glücks, der nach japanischer Tradition zu Neujahr erscheint und Geldgeschenke verteilt. (Bildquelle: Wikipedia)

Layard beginnt sein Plädoyer mit dem Hinweis auf eine empirische Regelmäßigkeit, die als „Easterlin-Paradox“ in der Glückforschung zu Berühmtheit gekommen ist: Bittet man Menschen ihren gegenwärtigen Glückszustand einer von drei Klassen zuzuordnen („Taken all together, how would you say things are these days – would you say that you are very happy, pretty happy, or not too happy?“), stellt man fest, dass sich die Verteilung über lange Zeiträume hinweg kaum ändert, wie Tabelle 1 für die USA auf Basis einer repräsentativen Haushaltsstichprobe (General Social Survey) von 1972 bis 2008 zeigt:

Tabelle 1

US_Happiness_Through_Time

Da das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen in den USA im gleichen Zeitraum um mehr als 100% gestiegen ist, argumentiert Layard, dass Einkommenswachstum weniger starken Einfluss auf das Wohlergehen („well-being“) einer Gesellschaft hat, als gemeinhin angenommen. Seiner Einschätzung nach sind innere Werte („the inner world“) für das individuelle Glück wichtiger als materielle Güter und hier möchte er deshalb auch mit einer neuen Art von Wirtschaftspolitik ansetzen.

Die Schlussfolgerung, die Layard aus diesem empirischen Befund zieht, ist jedoch alles andere als zwingend: Sein Entdecker, Richard Easterlin (1974), er erklärt ihn unter Rückgriff auf die „relative Einkommenshypothese“ von Duesenberry (1949), nach der Menschen ab einem bestimmten Schwellenwert nur noch dann einen höheren Nutzen aus einem höheren Einkommen ziehen, wenn ihr Einkommen im Vergleich zu den Einkommen ihrer Mitmenschen steigt. Bei einem gleichmäßigen Anstieg der Einkommen aller Menschen, resultiert dann also kein Glückszuwachs. Wenn dies so sein sollte, stellt sich natürlich die Frage, ob „Glück“ überhaupt eine sinnvolle wirtschaftspolitische Zielvariable sein kann. Wenn man bei Geltung dieser Hypothese das „Bruttonationalglück“ erhöhen möchte, würde dies ja steigende Einkommensungleichheit erfordern (Optimierungsproblem). Auf die Vorzüge des Marktes bei der Steuerung wirtschaftlicher Abläufe müsste man dann wohl verzichten. Denn es dürften ja nicht diejenigen das höchste Einkommen haben, die die vom Markt am höchsten bewertete Arbeitsleistung erbringen, sondern diejenigen, die den höchsten Nutzengewinn aus einer positiven Einkommensdifferenz (bzw. den höchsten Nutzenverlust aus einer negativen Einkommensdifferenz) gegenüber anderen Menschen ziehen. Die resultierende soziale Wohlfahrtsfunktion würde also die „Neidhammel“ priviligieren. Es dürfte nur wenige Gerechtigkeitskonzepte geben, die mit einer solchen Neidhammel-Wohlfahrtsfunktion übereinstimmen, von der grundsätzlichen Problematik sozialer Wohlfahrtsfunktionen, auf die Arrow (1963) mit seinem Unmöglichkeitstheroem hingewiesen hat, einmal ebenso abgesehen, wie von dem monströsen staatlichen Bürokratiegebilde, das darüber entscheiden müsste, wer „Neidhammel“ ist und wer nicht.

Es gibt aber neben der Easterlin’schen Hypothese noch andere Erklärungsansätze für diesen empirischen Befund: In der psychologischen Forschung firmiert unter den Namen „hedonische Tretmühle“ eine Theorie, nach der alle Menschen einen größtenteils genetisch determinierten „Glücksrichtwert“ (hedonic set point) verfügen, auf den ihr Glückempfinden nach kurzer Zeit immer wieder zurückkehrt, wenn es durch positive oder negative Erfahrungen zu einer Abweichung gekommen ist – und zwar auch dann, wenn diese Erfahrungen noch anhalten. Die Theorie wird deshalb auch „hedonische Adaption“ genannt. Neben ihrer empirischen Leistungsfähigkeit (Lykken und Tellegen (1996) zeigen in einer Langzeitstudie mit Zwillingen, dass nach Kontrolle sozioökonomischer Einflussfaktoren wie Einkommenshöhe, Erziehung, Familienstatus und Religion das durchschnittliche Glückempfinden bei eineiigen Zwillingen mit Korrelationkoeffizienten zwischen 0,42 – 0,52 sehr viel stärker korreliert ist als bei zweieiigen Zwillingen mit Korrelationskoeffizenten in der Nähe von 0,1.) hat diese Theorie auch den Vorzug, dass sie sich gut in evolutionstheoretische Erklärungsansätze integrieren lässt. Evolutionstheoretisch betrachtet dürfte ein ständiges Glückshoch genau so wenig vorteilhaft für die Reproduktion des Genoms sein wie ständige Zufriedenheit oder ständige Depression. Vorteilhaft dürfte ein Anreizmechanismus sein, der immer wieder einen neuen Anreiz zu einer Verbesserung der Lebensumstände und damit der Reproduktionschancen des Genoms setzt. Da die für ein Glückempfinden notwendigen Ausschüttungen von Botenstoffen wie Dopamin, Serotonin, Endorphin, Noradrenalin usw. (auch endogene Drogen oder Glückshormone genannt), aus biochemischen Gründen nicht beliebig erhöht werden können, ist es plausibel, dass das Glückempfinden nachdem eine Verbesserung der Lebensumstände erreicht worden ist, immer wieder zum „hedonic set point“ zurückkehrt. Auf diese Weise besteht dann, nachdem man sich an die verbesserten Lebensumstände gewöhnt hat, ein Anreiz durch eine weitere Verbesserung der Lebensumstände eine neue Ausschüttung von Glückshormonen freizusetzen. Der Organismus hätte also einen ständigen Anreiz, nach einer Verbesserung seiner Lebensumstände und damit der Reproduktionschancen seines Genoms zu streben, ohne dass der Pegel der Glückhormone ständig steigen muss.

Sollte diese Theorie der hedonischen Adaption zutreffen und das Glückempfinden tatsächlich immer nur um einen genetisch determinierten Pegel schwanken, wäre natürlich eine Wirtschaftspolitik, die das Ziel verfolgt, das Glücksempfinden der Menschen ständig zu steigern, schon allein aus biologischen Gründen völlig verfehlt. Doch es ist im Grunde noch gar nicht geklärt, wie man die Antworten interpretieren muss, die man erhält, wenn man Menschen nach ihrem subjektiven Wohlbefinden fragt. In Rahmen der Gallup World Poll wird nicht nach dem „Glück“ sondern nach der „Zufriedenheit“ („life satisfaction“) gefragt („Please imagine a ladder/mountain with steps numbered from 0 at the bottom to 10 at the top. Suppose we say that the top of the ladder/mountain represents the best possible life for you and the bottom of the ladder/mountain represents the worst possible life for you. If the top step is 10 and the bottom step is 0, on which step of the ladder/mountain do you feel you personally stand at the present time?“). Das Ergebnis, das man dann erhält zeigt im Querschnittsvergleich über 132 Länder eine deutliche Korrelation zwischen dem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt und der „life satisfaction“ wie Angus Deaton (2008) und nach ihm Betsey Stevenson und Justin Wolfers (2008) herausgefunden haben (Schaubild 2):

Schaubild 2

Quelle: The Economist nach Angus Deaton (2008)

In der New York Times findet sich ein noch detaillierteres Schaubild auf Basis der Studie von Stevenson und Wolfers (2008). Wenn es um die Zufriedenheit geht, scheinen altgediente ökonomische Einkommensindikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt also doch noch ganz brauchbare Informationen zu enthalten. Bedenkt man, dass das BIP bei all seinen Schwächen ja auch mit Wohlfahrtsindikatoren wie Lebenserwartung oder Bildungsniveau und sogar ;-) dem Human Development Index eine hohe Korrelation aufweist und – wie z.B. die Korrelation zwischen BIP-Lücke und Arbeitslosenquote zeigt – zudem auch noch Aussagen über den Konjunkturzyklus erlaubt, sollte man sich mit seiner Abschaffung vielleicht doch noch etwas Zeit lassen. Jedenfalls deutet der unterschiedliche empirische Befund den man erhält, wenn man Menschen nach ihrem Glücksempfinden oder nach ihrer Zufriedenheit fragt, darauf hin, dass die sogenannte Glücksforschung auch terminologisch noch ziemlich am Anfang steht. Aus den bisherigen Ergebnissen bereits wirtschaftspolitische Forderungen abzuleiten, erscheint vor diesem Hintergrund mindestens als kühn.

Doch in seinem Plädoyer für eine Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik hält sich Layard mit solchen grundsätzlichen Problemen nicht weiter auf. Da der empirische Befund nach seiner Einschätzung klar zeigt, dass innere Werte für das Wohlbefinden wichtiger sind als materielle Werte, fordert er eine bessere staatliche Erziehungspolitik, Maßnahmen gegen eine individualistische Kultur, die zuviel Wert auf Vermögensanhäufung und interpersonellen Wettbewerb legt, zu wenig Solidarität hervorbringt und gegen die „skandalöse“ Vernachlässigung der psychischen Gesundheit, da nur ein Viertel der diagnostizierten psychischen Erkrankungen behandelt würden. Die wirtschaftpolitischen Prioritäten müssten sich ändern in Richtung der charakterlichen Entwicklung der Jugend und des „Ethos der Gemeinschaft“. Und, in dem Maße wie die Wissenschaft voranschreitet, könnten Regierungsbehörden explizitere Politikmaßnahmen auswählen auf Grundlage des Kriteriums mehr Wohlbefinden für’s Geld („And, as the science accumulates, government departments will become more explicit in choosing policies on the basis of well-being bangs for the buck“). Spätestens hier überkommt einen beim Lesen ein mittelschweres Gruseln: Aldous Huxleys „Schöne Neue Welt“ taucht auf, in der das Glück nach dem jeweils neuesten Stand der wissenschaftlichen Forschung in der Gesellschaft implementiert wird. Auch Layards fortwährende Betonung der Wichtigkeit der Behandlung psychischer Erkrankungen weckt Assoziationen mit Huxleys berühmten Roman, in dem die Universaldroge „Soma“ immer verfügbar ist, wenn das Leben zu hart wird (Der mit Loriot sozialisierte Leser dürfte an dieser Stelle sicherlich auch an die „sogenannte Volksdroge“ denken.).

Man muss die Glücksforschung keineswegs ablehnen, um die von Layard abgeleiteten wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen zu verwerfen. Das weitverbreitete Interesse, auf das das Thema stößt, deutet darauf hin, dass hier ein großes Informationsbedürfnis herrscht. Warum sollen nicht Psychologen, Soziologen und Ökonomen, die sich dazu berufen fühlen, aufbauend auf diesen Forschungsergebnissen therapeutische Konzepte entwickeln, die zusammen mit religiös oder philosophisch motivierten Anleitungen zum „richtigen Leben“ um die Nachfrage der Menschen konkurrieren? Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass das Entdeckungsverfahren Wettbewerb auch in diesem Bereich des Dienstleistungssektors funktioniert. Problematisch wird es aber, wenn staatliche Behörden über die richtige Therapie entscheiden sollen. Hier erscheint Layard politökonomisch sträflich naiv, wenn er schreibt, dass Regierungen, die seiner Konzeption folgen, niemals über-interventionistisch würden, weil eines der klarsten Ergebnisse der Glücksforschung die hohe Bedeutung der persönlichen Freiheit sei („So, if the priorities change, does this mean an over-meddlesome government? Not if happiness were the objective. For one of the clearest findings of happiness research is the huge importance of personal freedom. (…) So a happiness-oriented government would be careful not to over-meddle – more careful perhaps than governments determined to achieve more external objectives“).

Vielleicht ist es nützlich, sich in Zusammenhang mit der Diskussion um die wirtschaftspolitische Bedeutung der Glückforschung klar zu machen, dass am Beginn der bürgerlichen Aufklärung, die Idee gestanden hat, dass der Staat sich aus dem individuellen Streben seiner Bürger nach Glück herauszuhalten hat. Einer der ersten, der diese Idee begründet hat, war Immanuel Kant, der in seiner Schrift „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ aus dem Jahr 1793 formulierte „In Ansehung der ersteren (der Glückseligkeit) kann gar kein allgemein gültiger Grundsatz für Gesetze gegeben werden. Denn, so wohl die Zeitumstände, als auch der einander widerstreitende und dabei immer veränderliche Wahn, worin jemand seine Glückseligkeit setzt (worin er sie aber setzen soll, kann ihm niemand vorschreiben), macht alle feste Grundsätze unmöglich, und zum Prinzip der Gesetzgebung für sich allein untauglich“. Bündiger kann man den Kerngedanken des klassischen Liberalismus eigentlich kaum auf den Punkt bringen. Ein weiterer wichtiger deutschsprachiger Beitrag zur Entstehung des Liberalismus ist Wilhelm von Humboldts 1792 verfasste Schrift „Ideen zu einem Versuch die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen„. Humboldt führt hier die wichtige Unterscheidung zwischen dem positiven und negativen Wohl der Bürger ein. Er schreibt „Die Sorgfalt des Staats für das positive Wohl der Bürger ist schädlich. Denn sie bringt Einförmigkeit hervor; schwächt die Kraft; stört und verhindert die Rückwirkung der äußeren, auch bloß körperlichen Beschäftigungen und der äußeren Verhältnisse überhaupt auf den Geist und den Charakter der Menschen; muß auf eine gemischte Menge gerichtet werden und schadet daher den einzelnen durch Maßregeln, welche auf einen jeden von ihnen nur mit beträchtlichen Fehlern passen; hindert die Entwickelung der Individualität und Eigentümlichkeit des Menschen; erschwert die Staatsverwaltung selbst, vervielfältigt die dazu erforderlichen Mittel und wird dadurch eine Quelle mannigfaltiger Nachteile“. Wem diese Formulierungen zu abstrakt sind, der sei auf den fulminanten Diskurs zwischen dem aus einem Reservat entflohenen „Wilden“ John und dem Repräsentanten der Staatsmacht, dem „Controller“ Mustapha Mond, verwiesen, in den Huxleys Roman „Schöne Neue Welt“ am Ende kulminiert: „But I like the inconveniences.“ „We don’t“ said the Controller. „We prefer to do things comfortably.“ „But I don’t want comfort. I want God, I want poetry, I want real danger, I want freedom, I want goodness. I want sin.“ „In fact“ said Mustapha Mond, „you’re claiming the right to be unhappy.“ „Allright, then,“ said the Savage defiantly, „I’m claiming the right to be unhappy.“

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