Investitionen und Beschäftigung: Die Taylor-Krugman Kontroverse im Lichte deutscher Daten

Dieser Beitrag ist auch im Blog www.wirtschaftlichefreiheit.de erschienen und kann auch dort kommentiert werden.

John Taylor hat kürzlich auf seinem Blog folgendes Schaubild den Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Investitionsquote in den USA von 1990 bis 2010 veröffentlicht:


Quelle: John Taylor

Er vergleicht dieses Schaubild mit dem entsprechenden Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Staatsverbrauchsquote


Quelle: John Taylor

und kommt zu Ergebnis, dass der „effektivste“ Weg zur Verringerung von Arbeitslosigkeit, die Erhöhung der Investitionsquote und nicht der Staatsverbrauchsquote ist. Taylor interpretiert den Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Investitionsquote also offensichtlich unter Rückgriff auf die im Standardmodell der Wachstumstheorie von den Investitionen auf Wachstum und Beschäftigung ausgehende Kausalität. Paul Krugman kritisiert in seinem Blog diese Auffassung mit einer konjunkturtheoretischen Interpretation des Zusammenhangs. Danach hängt sowohl die Nachfrage nach Arbeit als auch nach die nach Sachkapital von der Güternachfrage ab, so dass beide prozyklisch schwanken. In diesem Fall geht die Kausalität also von der Güternachfrage aus und die in Taylors Schaubild dargestellte Beziehung ist eine Scheinkorrelation. Überträgt man die Einschätzung der Rezessionsphasen des amerikanischen „NBER Business Cycle Dating Committee“ (1990/III – 1991/I, 2001/II – 2001/IV, 2008/I – 2009/III) in Taylors Schaubild, zeigt sich in der Tat, dass das Schwanken von Arbeitslosenquote und Investitionsquote in Taylors Schaubild offensichtlich stark mit der Konjunktur zusammenhängt:

Investment and Unemployment Cycle_USA

In Rezessionen wandern die Beobachtungspunkte nach links oben und in den Aufschwungphasen setzt dann wieder eine Gegenbewegung nach rechts unten ein. Insofern sind die Daten also durchaus mit der Krugman’schen Interpretation vereinbar. Allerdings schließt das Vorliegen eines kurzfristigen Einflusses der Konjunktur auf beide Zeitreihen nicht aus, dass es auch einen langfristigen wachstumstheoretischen Zusammenhang gibt, bei dem die Kausalität von den Investitionen auf die Beschäftigung ausgeht. Die Arbeitslosenquote in den USA wird primär von der Konjunktur beeinflusst. Im Gegensatz zu Deutschland ist es in den USA in den vergangenen fünfzig Jahren nie zu einem langfristen Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit gekommen. Deshalb kann es durchaus sein, dass der langfristige Zusammenhang zwischen Investitionen und Beschäftigung in den US-Daten keinen Niederschlag gefunden hat. Blickt man dagegen auf den Zusammenhang zwischen Invstititonen, Beschäftigung und Konjunktur in Deutschland (vor 1991: Westdeutschland), zeigt sich neben einem ebenfalls deutlichen konjunkturellen Einfluss auch ein langfristiger Zusammenhang, der mit dem Standardmodell der Wachstumstheorie übereinstimmt:

Unemployment and Net Investment Ratio_Germany

Die rot schattierten Zeiträume kennzeichnen Rezessionsjahre, in denen die reale Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes kleiner war als die des mit einem Hodrick-Prescott-Filter geschätzten Trendwertes. Die Berechnung wurde auf Jahresbasis durchgeführt, weil das Statistische Bundesamt Quartalswerte zur VGR erst ab 1970 zur Verfügung stellt. Trotz der damit einhergehenden Unschärfe zeigt sich der bekannte Zusammenhang zwischen Rezessionen und der Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland: Mit Ausnahme der Rezession 1966-67, der „Mini-Rezession“ von 1986-87 und den Rezessionen dieses Jahrzehntes ist bei allen anderen Rezessionen die Arbeitslosenquote stärker gestiegen, als sie in dem darauffolgenden Aufwung wieder gesunken ist. Das Ergebnis war der sich vom Beginn der 70er Jahre bis Ende der 90er Jahre hinziehende Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit. Wie die Investitionsquote (gemessen anhand der Nettoinvestitionen ohne Lagerbestandsveränderung in Prozent des Bruttoinlandsproduktes) zeigt, verlief die Entwicklung hier ziemlich genau umgekehrt: Mit Ausnahme des Vereinigungsbooms stieg die Investitionsquote in allen Aufschwungsphasen nicht mehr auf ihr Ausgangsniveau zurück, so dass sich ein langfristiger Rückgang seit Beginn der 60er Jahre abzeichnet. Bemerkenswert auch der nochmalige deutliche Rückgang der Investitionsquote, der mit dem Beginn der Europäischen Währungsunion einsetzte. Insgesamt gesehen hat der langfristige Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit also ein Pendant im langfristigen Rückgang der Investitionsquote: Da in den Aufschwungsphasen zu wenig investiert wurde, enstanden zu wenig Arbeitsplätze, um den Verlust an Arbeitsplätzen in der davorigen Rezession wieder aufzuholen. Dass dieser langfristige Zusammenhang wachstumstheoretisch interpretiert werden kann, zeigt der mit dem Rückgang der Investitionsquote einhergehende Rückgang des realen Trendwachstums des Bruttoinlandsproduktes (gemessen an den mit einem Hodrick-Prescott-Filter geschätzten Trendwerten):

Net Investment-to-GDP Ratio Real GDP Trend Growth_Germany

Der langfristige Rückgang der Nettoinvestitionsquote muss sich natürlich in einem langfristigen Anstieg der anderen Komponenten der Verwendungsrechnung des Bruttoinlandsproduktes niedergeschlagen haben. Die folgende Tabelle vergleicht die Veränderung der Durchschnittswerte dieser Komponenten in Prozent des Bruttoinlandsproduktes von 1960-64 mit den Durchschnittswerten von 2006-10:

Change of GDP by Expenditure Account_Germany

Der größte Anteil des Rückgangs der Nettoinvestitionsquote geht, wie nicht anders zu erwarten, auf den mit dem Wachstum des Kapitalstocks einhergehenden Anstieg der Abschreibungsquote von 5,5% zurück. An zweiter Stelle steht mit einem Anstieg von 4,7% der Staatsverbrauch, gefolgt vom langfristen Anstieg der Nettoexportquote um 3,9%. Der langfristige Anstieg der Konsumquote beträgt lediglich 1,7%. Sicherlich wird es heute nicht mehr möglich sein, in Deutschland Wachstumsraten wie in den 60er Jahren zu erzielen. Ein Teil des Wachstums der 60er Jahre geht auf den Aufholprozess zurück, in dem die deutsche Volkswirtschaft damals noch immer steckte. Um den seit 2006 erreichten Rückgang der Arbeitslosenquote dauerhaft zu konsolidieren, wird aber ein weiterer Anstieg der Nettoinvestitionsquote notwendig sein. Wie die Zahlen zeigen, kann dieser aus einem Rückgang der Staatsverbrauchsquote oder aus einem Rückgang der Nettoexportquote resultieren. Ein Rückgang der Nettoexporte hätte den entscheidenden Vorteil, dass Deutschland seine Nettogläubigerposition gegenüber dem Ausland, die sich als eine Quelle von Instabilität in der Eurozone erwiesen hat, abbauen könnte. Eine nach Ländern differenzierte Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, wie hier vorgeschlagen, könnte dabei hilfreich sein.

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