Die möglichen Auswirkungen der japanischen Katastrophe auf die Weltkonjunktur

Dieser Beitrag ist auch im Blog www.wirtschaftlichefreiheit.de erschienen und kann auch dort kommentiert werden.

Die erschreckenden Bilder aus Japan werfen viele Fragen auf, über die in der nächsten Zeit nachgedacht werden muss. Aus ökonomischer Sicht stellt sich aber zunächst einmal die Frage, welche unmittelbaren Auswirkungen die Katastrophe auf die Weltkonjunktur haben wird. Die Antwort auf diese Frage hängt im Moment ganz entscheidend von der Richtung ab, die der Wind über den havarierten Atomreaktoren von Fukushima in der nächsten Zeit nehmen wird.

Als der Wind am Dienstag über einen Zeitraum von ca. 7 Stunden die mit Strahlenpartikeln belasteten Luftmassen von Fukushima nach Tokio wehte, kam es dort sofort zu einem deutlich messbaren Anstieg der Strahlenbelastung. Seitdem drehte er wieder und bläst nun die in Fukushima freigesetze Strahlenlast über den Pazifik in Richtung Osten. Die von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien am 17. März veröffentlichte Prognose fällt bis kommenden Samstag weiter günstig aus (Abbildung 1).

Abbildung 1 – Verteilung des in Fukushima freigesetzten radioaktiven Jods

Quelle: ZAMG Wien

Bei dem Transport über den Pazifik werden die belasteten Lufmassen stark verdünnt und erreichen Nordamerika normalerweise in einem Zustand, der relativ ungefährlich ist. Die im Winter in Mitteljapan vorherrschende Luftrichtung wird vom Nordwest-Monsun geprägt und geht im Sommer in einen Südwest-Monsun über (Link). Im Durchschnitt sollte es also zu einem Abtransport belasteter Luftmassen über den Pazifik kommen. Problematisch ist allerdings, dass die havarierten Reaktoren noch monatelang gekühlt werden müssen, um eine Kernschmelze zu verhindern (Link). Da das nach derzeitigem Stand nicht möglich sein wird, muss also damit gerechnet werden, dass es über einen längeren Zeitraum zu einer Freisetzung verstrahlter Partikel kommen wird. Da der Wind von Zeit zu Zeit von der Hauptwindrichtung abweicht, muss damit gerechnet werden, dass es für kürzere Zeiträume immer wieder zu einem Transport verstrahlter Luftmassen in Richtung Süden nach Tokio kommen wird.

Im Großraum Tokio werden derzeit rund 18% der japanischen Wirtschaftsleistung, gemessen am Bruttoinlandsprodukt erbracht. Sollte der Wind verstrahlte Luftmassen noch weiter südlich transportieren, wäre die Region Kanto betroffen, in der rund 20% des japanischen Bruttoinlandsproduktes erzeugt werden. Das Erdbeben und der Tsunami haben vor allem im Nordosten Japans gewütet, der einen Anteil von rund 8% der Wirtschaftsleistung produziert. Auch wenn die Produktionsanlagen selbst nicht zerstört sein sollten, was derzeit noch nicht absehbar ist, muss man davon ausgehen, dass 8% der Wirtschaftleistung in nächster Zeit wegfallen, da die Infrastruktur dort weitgehend zerstört ist. Der Beitrag Japans zum Welt-BIP beträgt derzeit etwa 8%. Aus diesen Rahmenbedingungen resultieren drei Szenarien:

Szenario 1: Der Wind wird die verstrahlten Luftmassen ausschließlich Richtung Osten in den Pazifik tragen. Dann ist bis zum Aufbau der Infrastruktur in den von Erdbeben und Tsunami betroffenen Landesteilen mit einem Wegfall von mindestens 8% des japanischen BIPs zu rechnen. Das entspricht einem Anteil von 0,64% des Welt-BIPs.

Szenario 2: Der Wind wird Richtung Tokio drehen und durch die Strahlenbelastung zu einem dauerhaften Wegfall von rund 20% der japanischen Wirtschaftsleistung führen. Das entspricht einem Anteil von 1,44% der Welt-BIPs.

Szenario 3: Der Wind wird die strahlenbelasteten Luftmassen nicht nur nach Tokio sondern auch die südlich von Tokio gelegene Region Kanto tragen und die dortigen Produktionsanlagen unbrauchbar machen. Dann würden noch einmal rund 20% der japanischen Wirtschaftsleistung wegfallen, was das Welt-BIP um noch einmal 1,6% reduzieren würden.

Ordnet man den drei Szenarien eine subjektive Wahrscheinlichkeit von 80%, 15% und 5% zu, die man als relative Häufigkeit der jeweiligen Windrichtungen interpretieren kann, resultiert ein Erwartungswert von 0,8*(0,64%) + 0,15*(0,64%+1,44%)+0,05*(0,64%+1,44%+1,6%) = 1,0 % Rückgang des Welt-BIPs in diesem Jahr (Zum Vergleich, nach der Januar-Prognose des IMF soll das Welt-BIP in diesem Jahr um real 4,5% wachsen).

Es ist klar, dass diese Abschätzung lediglich den unmittelbaren angebotsseitigem Schock durch den Wegfall japanischer Produktionsanlagen berücksichtigt und lediglich die Mindestauswirkung der japanischen Katastrophe auf die Weltkonjunktur darstellt. Sollte es zusätzlich noch zu Nachfragereaktionen kommen, etwa wenn die Bevölkerung des asiatischen Festlands aus Furcht vor einer aus Japan kommenden, nuklear verseuchten Wolke die Ersparnisbildung erhöht, könnte zu dem angebotsseitigen Schock noch nachfrageseitige Schocks kommen.

Diese Abschätzungen beziehen sich freilich nur auf die unmittelbaren Auswirkungen der japanischen Katastrophe auf die Weltkonjunktur. Weitere Effekte, wie zum Beispiel die Auswirkungen eines Anstiegs der japanischen Staatsverschuldung, die bereits gut 200% des Bruttoinlandsproduktes beträgt, oder die langfristigen Auswirkungen einer Reduzierung der Atomstromproduktion auf die Energiepreise müssten bei einer Gesamtbetrachtung der ökonomischen Folgen natürlich auch berücksichtigt werden. Ebenfalls zu berücksichtigen wären die von der dauerhaften Belastung der Umwelt durch die freigesetzten Strahlenpartikel verursachten ökologischen Schäden. Das von der Katastrophe verursachte menschliche Leid entzieht sich einer Bezifferung.

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