Der deutsche Exportboom – Wettbewerbsstärke, Konsumschwäche oder was sonst?

Dieser Beitrag ist auch im Blog www.wirtschaftlichefreiheit.de erschienen und kann auch dort kommentiert werden.

Deutsche Industrieunternehmen sind Virtuosen der Weltmarktnische: Ob Schnupftabak, Laserstanzen, Kreuzfahrtschiffe, Bleistifte oder Edelküchen ? irgendwie gelingt es ihnen, mit einem auf langer Erfahrung basierenden Wissen, Produktvarianten zu entwickeln, die der Konkurrenz meist ein Stück voraus sind. Dabei erzielen sie Eigenkapitalrenditen von denen (auch erfolgreiche) Banker nur träumen können. Aus diesem Tatbestand leitet sich eine in Deutschland beliebte Erklärung für den hohen Exportüberschuss ab: Er ist das Resultat von Wettbewerbsstärke. Dabei wird großzügig übersehen, dass hohe Exporterlöse prinzipiell auch für den Einkauf von Gütern verwendet werden können, deren Produktion deutsche Unternehmen ausländischen überlassen. Die Fähigkeit international begehrte Güter zu produzieren, spricht für ein hohes Exportvolumen, sie impliziert jedoch keineswegs notwendigerweise auch einen Überschuss der Exporte über die Importe.

Außerhalb Deutschlands, vor allem im angelsächsischen Ausland, firmiert dagegen eine andere Hypothese: Danach ist der deutsche Exportüberschuss das Ergebnis jahrelanger Lohnzurückhaltung, die einerseits zu Wettbewerbsvorteilen andererseits zu Konsumzurückhaltung geführt hat, so dass die inländische Nachfrage unter die inländische Produktion gefallen ist. Diese Hypothese harmoniert nicht besonders gut mit den Zahlen, die die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung liefert. Tabelle 1 zeigt die Entwicklung der Struktur der Verwendung des Bruttoinlandsproduktes seit 2000. Die deutsche Konsumquote war mit 58,5% im Durchschnitt der Jahre höher als in Frankreich und in den übrigen 26 EU-Ländern. Nur im Vereinigten Königreich war die Konsumquote noch höher. Auffallend niedrig ist in Deutschland dagegen die Staatskonsumquote. Sie ist gut 2% niedriger als im Durchschnitt der anderen EU Länder und reichlich 4% niedriger als in Frankreich. Neben den Staatsausgaben sind in Deutschland aber vor allem die Bruttoinvestitionen niedriger als in Frankreich (+2,1%) und in den anderen EU-Ländern (+2,7%).

Tabelle 1

BIP Strukturvergleich

Schaut man auf die Veränderung der Anteile über den Betrachtungszeitraum, fällt auf, dass die Bruttoinvestitionsquote in Deutschland mit -4,8% am stärksten gesunken ist. Daran konnte auch der ?Mini-Investitionsboom? (von 16,9% im Jahr 2005 auf 19,2% im Jahr 2008), der den letzten Konjunkturaufschwung geprägt hat, nichts ändern. Der Investitionsrückgang wird zum größten Teil durch den Anstieg der Nettoexportquote um 4,2% kompensiert. Der starke Anstieg der Nettoexportquote im vergangenen Jahrzehnt ist also nicht mit einer niedrigeren Konsumquote sondern mit einer niedrigeren Investitionsquote einhergegangen.Wie Schaubild 1 zeigt, folgten die Abschreibungen auf Kapitalgüter (zumindest so wie sie vom Statistischen Bundesamt geschätzt werden) nicht dem Rückgang der Bruttoinvestitionen. Im Ergebnis ist es zu einer Verringerung der Nettoinvestitionsquote auf 1,8% gekommen ? der tiefste jemals für Deutschland gemessene Wert. Das Schaubild zeigt auch, dass die schrumpfende Nettoinvestitionsquote einem langfristigen Trend folgt, der schon zu Beginn der 70er Jahre einsetzte und durch die deutsche Wiedervereinigung nur für kurze Zeit unterbrochen wurde.

Schaubild 1
Verwendungsstruktur deutsches BIP

Im Standardmodell der Wachstumstheorie besteht ein positiver Kausalzusammenhang zwischen den Nettoinvestitionen und dem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes. Hohe Nettoinvestitionen führen zu hohem Kapitalstockwachstum, das wiederum das Wachstum des Produktionspotentials und damit das langfristige Wachstum des Bruttoinlandsproduktes erhöht. Das Standardmodell ist empirisch recht gut bewährt und deshalb erstaunt es nicht, dass das im internationalen Vergleich niedrige Wachstum des deutschen Kapitalstocks mit einem im internationalen Vergleich niedrigen Wachstum des deutschen Bruttoinlandsproduktes einhergeht, wie Schaubild 2 für den Zeitraum 2000 ? 2009 zeigt (Für andere Betrachtungszeiträume ergibt sich ein sehr ähnliches Bild).

Schaubild 2
Kapitalstock- vs BIP-Wachstum

Die Daten sind also prinzipiell mit der Hypothese kompatibel, dass es Deutschland schon seit längerer Zeit nicht mehr gelingt, Investitionen in ausreichendem Maß im eigenen Land zu binden. Der hohe Exportüberschuss kann also mit guten Gründen als Ausdruck einer mangelnden internationalen Attraktivität des Investitionsstandortes Deutschland interpretiert werden.

Leider zeigt eine jüngst erschienene Analyse der OECD auch bei einem anderen wichtigen akkumulierbaren Produktionsfaktor, dem Humankapital, keine sehr beruhigenden Werte: Während 2007 in Deutschland 34% eines Schuljahrgangs an eine Hochschule gegangen sind, sind es im OECD-Durchschnitt 49% gewesen. In den Vorjahren war der Abstand ähnlich groß. Eine deutliche Differenz zeigt die Studie auch bei den Bildungsausgaben der Länder: Hier rangierte Deutschland 2007 mit 4,8% des Bruttoinlandsproduktes auf dem fünftletzten Platz. Zur Spitzengruppe zählten Island, USA, Südkorea und Dänemark mit einem Anteil von reichlich 7% ihres Bruttoinlandsproduktes. Vor diesem Hintergrund erscheint dann auch die in Tabelle 1 ausgewiesene relativ niedrige Staatskonsumquote Deutschlands in einem etwas anderen Licht. Natürlich bedarf es nicht notwendigerweise höherer Staatsausgaben, um Anreize für private Human- und Sachkapitalinvestitionen zu setzen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.