Neu im Kino: "Das Buch Eli" und " Agora – die Säulen des Himmels"

Zwei Filme, in denen es um Bücher, Religion und Gewalt geht. Zwei Filme, die kaum unterschiedlicher sein könnten: „Das Buch Eli“ ist ein archaischer Endzeitthriller, der nach dem Zusammenbruch unserer Zivilisation spielt (Regie Albert und Allen Hughes, Trailer: http://thebookofeli.warnerbros.com ). Ein Mann (Denzel Washington) folgt der Stimme Gottes und muss die letzte noch verbliebene Bibel zur Westküste Amerikas bringen: “Our only hope in my hands“. Unterwegs in einer apokalyptischen Landschaft begegnen ihm viele verkommene Menschen, die ihm seine Bibel rauben wollen. Die Trennlinie zwischen Gut und Böse ist in diesem Film klar gezeichnet. Die bösen Menschen wirken schon in ihrem äußeren Erscheinungsbild krank und verstört und sind immer irgendwie schmutzig; die Guten haben trotz widriger Umstände Haltung und Gesundheit bewahrt. So ist es für den Zuschauer einfach, sich zu orientieren und auf das Wesentliche zu konzentrieren: Wie das Böse vom Guten völlig zu Recht niedergemetzelt wird. Denzel Washington hackt in Kung Fu – Schwertkämpfer Manier Hände ab, schlitzt Bäuche auf, schlägt Schädeldecken ein und zitiert dabei stets aus dem Buch, das er mit sich trägt „For out of the ground we were taken, from the dust we are, and to the dust we shall return!“. Mad Max für religiöse Fanatiker. Am Ende gelingt es ihm, sich schwer verletzt, mit Hilfe einer jungen Frau (Mila Kunis), zur Westküste durchzuschlagen, wo er dann auf Alcatraz einem weisen Gelehrten mit Einsteinmähne die inzwischen auswendig gelernte Bibel in die Feder diktiert. Eine handbetriebene Druckerpresse steht auch schon bereit, um das Buch, mit dem die Zivilisation wieder aufgebaut werden soll, zu verbreiten. Nachdem die Bibel diktiert ist, stirbt der Schwertkämpfer. Die junge Frau erbt sein Schwert und macht sich damit bewaffnet, als christlicher Taliban, wieder auf den Weg zurück in die Anarchie des amerikanischen Hinterlandes. Man ahnt es: Sie wird dort Hände abhacken, Bäuche aufschlitzen und Schädeldecken einschlagen bis am Ende alle Menschen bekehrt sind. Der Film wurde nicht etwa von einer christlichen Sekte, sondern von Columbia Pictures produziert.

Auch im Film „Agora – die Säulen des Himmels“, des europäischen Regisseurs Alejandro Amenábar (Trailer: http://www.agora-derfilm.de ) kommt es zu erschreckenden Gewaltszenen. Aber der Film verherrlicht Gewalt nicht. Er spielt in Alexandria, dem intellektuellen Zentrum der spätantiken Kultur am Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. Hier gab es die größte Bibliothek der damaligen Welt mit einem geschätzten Bestand von 700 000 Buchrollen zu ihrer Blütezeit. Die Bibliothek wurde verwaltet vom Museion, einer staatlich finanzierten Akademie, an der Wissenschaftler forschten und lehrten. Es beherbergte nicht nur Philosophen, Philologen und Mathematiker sondern auch Naturwissenschaftler und Ingenieure, wie Heron von Alexandria, der bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. programmierbare mechanische Automaten erfand und einen Vorläufer der Dampfmaschine konstruierte. Eigentlich war damals bereits das technologische Wissen vorhanden, das im Europa des 19. Jahrhunderts zur industriellen Revolution führte. Am Ende des 4. Jahrhunderts lehrte am Museion die Philosophin Hypatia (Rachel Weisz). Der Film verdichtet die Konflikte der Zeit, die durch den Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion und die Verdrängung der von der griechischen Aufklärung geprägten antiken Kultur entstanden, am Beispiel der Biographie Hypatias. Es gelingt dabei auf spannende Weise die Unterschiede dieser Kulturen zu zeigen – der auf Kritik und systematischem Zweifel basierten hellenistischen Wissenschaftskultur auf der einen Seite und der auf Glaube und Gehorsam basierten Kultur des Christentums auf der anderen Seite. So etwa als während einer Lehrveranstaltung Hypatias ein Streit um das ptolemäische Weltbild ausbricht und ein christlicher Schüler, sich Kritik an diesem Weltbild mit dem Satz verbietet „Wenn Du die Schönheit der Schöpfung bezweifelst, beleidigst Du unseren Gott“. Im Laufe der Handlung gelingt es dem Bischoff von Alexandria (Sami Samir), den später als Heiligen verehrten Kyrill I., durch öffentliche Provokationen, politische Intrigen und vom Mönchsorden der „Parabalani“ ausgeführten Straßenterror, den nach Ausgleich und Toleranz strebenden römischen Präfekten Orestes (Oscar Isaac) zu entmachten und alle staatlichen Funktionsträger zu einem öffentlichen Bekenntnis zum Christentum zu zwingen. Als der um Hypatias Schutz besorgte, Orestes, sie dazu überreden will, auch zum Christentum überzutreten, lehnt sie dies mit den Worten ab „Ihr stellt nicht in Frage, was ihr glaubt, aber ich muss das tun“. Später wird Hypatia von Bischoff Kyrill öffentlich wegen ihrer Stellung als Wissenschaftlerin angegriffen. Mit einem Zitat aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an Timotheus („Ich erlaube aber einer Frau nicht, zu lehren, noch über den Mann zu herrschen, sondern, dass sie sich in der Stille halte, denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva; und Adam wurde nicht betrogen, die Frau aber wurde betrogen und fiel in Übertretung. Sie wird aber durch das Kindergebären gerettet werden, wenn sie bleiben in Glauben und Liebe und Heiligkeit mit Sittsamkeit.“) lehnt er ihre Stellung als weibliches Mitglied des Museons ab und lenkt damit die Aufmerksamkeit der christlichen Eiferer auf Hypatia. Am Ende wird sie von den Parabalani verschleppt und ermordet. Auch die Bibliothek des Museons wird zusammen mit dem Tempel des Serapis von einer aufgewühlten christlichen Menge erstürmt und geplündert, als ein Edikt des christlichen Kaisers Theodosius die heidnischen Tempel der Stadt zur Zerstörung freigibt. Es ist unter Historikern umstritten, welches Ereignis letztendlich zum Verlust des Buchbestandes der Bibliothek von Alexandria geführt hat: Ein Brand, der von Julius Cesar bei seiner Eroberung Alexandrias bereits im Jahre 48 v. Chr. verursacht wurde, die im Film beschriebene Erstürmung des Museons durch die Christen oder die Eroberung der Stadt durch die Moslems im Jahre 642 durch den Kalifen Umar ibn al-Chattab, der der Überlieferung nach alle Bücher außer dem Koran entweder für falsch oder für überflüssig hielt. Kaum bestreitbar dürfte allerdings sein, dass mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion, die hellenistische Wissenschaftskultur zerfiel und erst 1000 Jahre später im Zeitalter der Renaissance durch das nach politischer Mitbestimmung strebende Bürgertum wieder belebt wurde.

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